25. Juni 2018

Blockchain hat ähnlich große Bedeutung wie die Erfindung des kommerziellen Internets

Interview mit Florian Huber als Business Angel des Jahres 2018 Foto Florian Huber für das Interview

1. Herr Huber, herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung „Business Angel des Jahres 2018“ und willkommen im BAND Heaven of Fame! Danke, dass Sie uns für ein Interview zur Verfügung stehen, natürlich wollen alle mehr wissen über den jüngsten Träger der „Goldenen Nase“. Sie selbst sind Gründer, unter anderem des Domain-Registrars united-domains AG (mittlerweile Teil der 1&1-Gruppe), seit 2008 investieren Sie als Angel Investor in Internet-Start-ups. Wie haben Sie den Schritt vom Gründer hin zum Angel Investor vollzogen?

Ich bin seit meiner Schulzeit immer irgendwie unternehmerisch tätig. Während meiner Zeit am Gymnasium in Starnberg, in den 80er-Jahren, habe ich zusammen mit einem Freund bei einem Großhändler Computer-Bauteile gekauft, diese dann im „Kinderzimmer“ zusammengeschraubt und versucht, die fertigen PCs weiterzuverkaufen (nicht gerade mit großem Erfolg). Nach meinem Studium erfolgte im Jahr 2000 die Gründung der united-domains AG, später dann der neubau kompass AG (Marktplatz für Bauträger-Immobilien). Beide Unternehmen sind bzw. waren ausschließlich von Business Angels finanziert. Es lag deshalb nahe, irgendwann die Seiten zu wechseln, um die eigenen Erfahrungen an die nächste Generation von jungen Gründern-/innen weiterzugeben.

2.    In Bezug auf das Thema Start-ups dürfte die meisten Gründer interessieren, wie Sie Ihre Start-ups kennenlernen. Verlassen Sie sich auf Ihr persönliches Netzwerk oder nutzen Sie auch andere Kanäle?

Fast alle meine aktuell 25 Start-up-Investments sind aufgrund von Empfehlungen aus meinem persönlichen Netzwerk zustande gekommen. Aber keine Regel ohne Ausnahme: So habe ich die Gründer von Foodora (damals saß das Team noch in München) dadurch kennengelernt, dass ich diese aktiv mit der Frage angesprochen habe, ob sie denn „Geld brauchen“, nach dem ich zuvor in den USA deren „Vorbild“ DoorDash gesehen hatte.
Insgesamt ist der Markt der Start-up-Finanzierungen leider sehr intransparent. Gerade Business Angels agieren oftmals eher im „Verborgenen” und geben nicht einmal auf ihren Social-Media-Profilen an, dass sie als Angel aktiv sind. Mit einer eigenen Website (www.florianhuber.de), auf der ich mein Startup-Portfolio gelistet habe (einschließlich der Misserfolge!), gehöre ich wohl zu den wenigen Angels, die hier ganz transparent sind.

3.    Da eine intensive Prüfung der Unternehmen viel Zeit beansprucht und die Voraussetzungen für eine Due Diligence in der Seedphase nicht immer gegeben sind, vertrauen viele Business Angels bei ihren Investments letztlich eher dem Bauchgefühl. Auf welcher Grundlage entscheiden Sie, in welche Unternehmen Sie investieren?

Als Investor in der Pre-Seed und Seed-Phase investiere ich vor allem in das Team. Zudem schaue ich mir die die Größe des Marktes an. Viele Ideen sind einfach zu „nischig“ und lösen nur ein „First-World Problem“ für eine zu kleine Zielgruppe. Darüber hinaus investiere ich nur in Gründer-Teams (also keine Einzelgründer) und nur in Teams, in denen mindestens ein Mitgründer einen technischen Hintergrund hat.

4. Ihre Auszeichnung zum „Business Angel des Jahres 2018“ bestätigt, dass Sie ein durchaus sehr erfahrener Angel sind. Jedoch ist die Entwicklung von Unternehmen nie hundertprozentig hervorzusehen. Ist Scheitern und Erfolg für einen so aktiven Investor und Gründer zum normalen Geschäft geworden?

Die meisten Start-ups scheitern bzw. entwickeln sich nicht so, wie von Gründern erwartet (und von den Investoren) erhofft. Dass aus einem kleinen Start-up ein erfolgreiches Unternehmen wird, ist nicht der Normalfall, sondern der Ausnahmefall.
In meinem eigenen Startup-Portfolio mit mittlerweile mehr als 25 Start-up-Investments kann man das sog. Pareto-Prinzip, also die 80/20-Regel ganz gut zur Anwendung bringen: Nur etwa 20% der Start-ups (also 5 von 25) entwickeln sich sehr gut bzw. sogar besser als von den Beteiligten erhofft. Das sind die „Winner“ im Portfolio. Die anderen 80% bleiben unter den Erwartungen.
Auf die verbleibenden fünf „Winner“ kann man noch einmal die 80/20-Regel anwenden und es bleibt ein Start-up übrig (20% von 5), aus dem zumindest ein „kleines Unicorn“ (also ein Start-up mit einem Exit über > 500 Millionen) wird.
Als Pre-Seed/Seed-Investor muss ich also statistisch in 25 Start-ups investieren, um „garantiert“ mindestens einen wirklich großen Exit zu haben. Natürlich kann man auch einfach – ähnlich wie in einer Spielbank – „Glück haben“ und schon beim ersten Investment den Volltreffer landen!

5. Als Hype-Thema der Start-up-Szene der letzten Jahre lässt sich wohl ohne Zweifel das Thema Blockchain nennen. Als Betreiber der Website chain.de - ein Verzeichnis aller deutschen Blockchain-Start-ups und Investoren – sind Sie Experte auf diesem Gebiet. Denken Sie, dass es sich bei ICOs um die Zukunft der Start-up Finanzierung handelt oder würden Sie es eher als einen vorübergehenden Hype einschätzen?

ICOs, also Initial Coin Offerings, sind eine neue Form der Finanzierung für Blockchain-Start-ups. Für Geschäftsmodelle mit einem dezentralen Ansatz (z.B. neue dezentrale Protokolle) macht eine Finanzierung via eines ICOs durchaus Sinn und ist eine tolle Möglichkeit, relativ schnell größere Summen Kapital einzusammeln. Leider gibt es in der Branche auch einigen Missbrauch und oftmals reicht ein zusammengeschustertes White Paper, eine Landing Page und die Stichworte „ICO“, „Blockchain“ und „Pre-Sale“ auf der Website, um Millionen einzusammeln. Hier werden wir in den nächsten 12 bis 18 Monaten eine starke Marktbereinigung sehen. Blockchain als Technologie hat aber eine ähnlich große Bedeutung wie die Erfindung des kommerziellen Internets in den 90er-Jahren.

6. Der Business Angels Markt in Deutschland ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und reifer sowie professioneller geworden. Leider wird dennoch immer noch nur ein Bruchteil des privaten Kapitals hierzulande in junge Unternehmen investiert. Wie schätzen Sie den Markt ein?

Generell gibt es mittlerweile genug Geld am Markt. Die Taschen der institutionellen Investoren (VCs, Family Offices, Privat Equity) sind gut gefüllt. Aber es gibt zwei Probleme:
(1) Es ist viel Geld im Mark. Aber dieses konzentriert sich auf immer weniger Start-ups. Die sehr erfolgreichen Start-ups werden regelrecht mit Geld zugeschüttet (was sich in absurd hohen Bewertungen äußert), wohingegen die „nur guten“ Start-ups oftmals leerausgehen.
(2) In den sehr frühen Phase (pre-seed, seed) steht immer noch zu wenig Geld zur Verfügung. Die meisten Investoren steigen erst ein, wenn das Start-up regelmäßige Umsätze (mind. EUR 20k Monat) vorweist und akzeptieren dafür im Gegenzug höhere Bewertungen. Daran sind auch die Gründer nicht unschuldig: Wenn die aufgerufenen Bewertungen bereits ohne traction (Umsätze) recht hoch sind, warum sollte ich als Angel dann maximal hoch ins Risiko gehen? Später mag zwar dann die Bewertung doppelt so hoch sein, mein Risiko sich aber aufgrund des nachgewiesenen product-market-fits mehr als halbiert haben!

7. Zu einem Business Angels Markt gehört immer auch eine Start-up Szene. Wie würden Sie die Qualität der Gründungen in Deutschland einschätzen? Hat es in den letzten Jahren eine Entwicklung gegeben?

In den letzten fünf Jahren hat sich viel getan: In Städten wie Berlin oder München ist eine dynamische Gründerszene entstanden. Es gibt mittlerweile ein gut funktionierendes Ökosystem aus Gründern, Business Angels, VCs, staatlicher Förderung, Universitäten, Verbänden (BAND, Startup-Verband), spezialisierten Kanzleien und natürlich zahlreiche Start-up-Events.
Woran ein Mangel herrscht sind gute Unternehmer-/innen! Und ich spreche hier bewusst von „Unternehmern“ und nicht „Gründern“. Ein Start-up zu gründen, ist relativ einfach. Aus dem Start-up aber ein erfolgreiches Unternehmen zu bauen, ist richtig schwer. Zur Wahrheit gehört auch: Nicht jeder eignet sich zum Unternehmer und nicht jeder bzw. jede ist bereit und hat die Ausdauer, über viele Jahre praktisch rund um die Uhr bei einem niedrigen Gehalt an einer Sache zu arbeiten. Das Ganze noch ohne jede Erfolgsgarantie! Und auch wenn es politisch inkorrekt ist: Work-Life-Balance, 40-Stunden-Woche, 6 Wochen Jahresurlaub und Unternehmertum passen nicht unbedingt zusammen!