Dr. Christian Neusser, Business Angel und Transformationsberater, Nürnberg
Warum Unternehmensnachfolge ins Angel-Portfolio gehört
135.000 Unternehmen suchen laut Institut für Mittelstandsforschung bis 2026 einen Nachfolger. Bei einem Drittel davon steht noch kein Kandidat fest. Macht man sich klar, dass dahinter rund 400 Milliarden Euro Wertschöpfung pro Jahr stehen, wird schnell deutlich, warum das Thema gerade an Fahrt aufnimmt.
Beim BAND Deep Dive am 6. Mai 2026 erklärte Christian Neusser, warum er Unternehmensnachfolge längst nicht mehr als Nischenthema neben dem klassischen Start-up-Investment betrachtet, sondern als eigenständige Anlageklasse mit eigener Logik – und eigenen Regeln.
Andere Brille, andere Fragen

Neusser bat die Teilnehmenden gleich zu Beginn, die gewohnte Tech-Start-up-Brille kurz abzusetzen. Sein Bild: Wer sich mit Nachfolgen beschäftigt, muss etwas tiefer tauchen als gewohnt. Bei einem Start-up kauft man im Grunde eine Möglichkeit – die Hoffnung, dass aus einer Idee über mehrere Finanzierungsrunden irgendwann ein skalierbares Geschäft wird. Bei der Nachfolge ist die Ausgangslage eine ganz andere: Es gibt bereits eine Substanz, einen laufenden Betrieb, Kunden, Mitarbeitende. Die entscheidende Frage ist nicht, ob das Geschäftsmodell trägt, sondern ob das Unternehmen auch ohne den bisherigen Inhaber weiterläuft oder sich erneuern lässt. Fällt diese Antwort negativ aus, rät Neusser ganz klar vom Einstieg ab – egal wie gut die übrigen Zahlen aussehen.
Damit verschiebt sich auch der Werthebel. Start-ups wachsen über Skalierung und Multiple-Effekte, Nachfolgeunternehmen gewinnen vor allem durch Professionalisierung: neue Führungsstrukturen, klarere Prozesse, mitunter der Schritt ins Auslandsgeschäft. Ein Vorteil, den man im Start-up-Umfeld so kaum kennt, ist die Finanzierungsfähigkeit. Substanzstarke Mittelständler lassen sich oft ganz klassisch über die Hausbank finanzieren, in manchen Fällen sogar mit öffentlichen Fördermitteln im Hintergrund – Wege, die einem klassischen Frühphasen-Start-up meist verschlossen bleiben.
Was vor dem Closing geklärt sein sollte

Aus rund 60 ausgewerteten Fällen, die in seine Promotion an der Henley Business School der University of Reading eingeflossen sind, hat Neusser eine Art Checkliste destilliert, die er selbst vor jedem Einstieg durchgeht. Im Kern geht es immer wieder um dieselben fünf Bereiche: die Ertragskraft und wie stark sie am Inhaber hängt, die Frage nach einer tragfähigen zweiten Führungsebene, ein realistischer Plan für die ersten hundert Tage, ein Stresstest für die Liquidität über zwölf Monate – und schließlich, kaum messbar, aber aus seiner Sicht oft entscheidend, das persönliche Kennenlernen von Mitarbeitenden, Kunden, Banken und dem Verkäufer selbst, am besten noch vor dem Closing. Wer das versäumt, riskiert genau das, was Neusser selbst einmal erlebt hat: Ein Großkunde verschwindet praktisch über Nacht, weil er dem neuen Eigentümer einfach nicht vertraut, und plötzlich fehlen fast 30 Prozent des Umsatzes.
Vier dieser Punkte lassen sich mit Zahlen unterlegen, der fünfte nicht. Genau der entscheide aber, so Neusser, in der Praxis am häufigsten über Erfolg oder Scheitern.
Drei Fälle aus der Praxis
Anschaulicher wurde es bei den drei Beispielen, die Neusser mitgebracht hatte. Im ersten Fall, einem Textilunternehmen in dritter Generation mit 80 Mitarbeitenden, war der 71-jährige Inhaber gesundheitlich ausgefallen, die Kinder standen vorerst nicht als Nachfolger bereit, Großkunden begannen abzuwandern und die Bank stellte unangenehme Fragen. Mit rund einer Million Euro Eigenkapital und einer Brückenfinanzierung über eine französische Bank stabilisierte sein Team das Unternehmen binnen 90 Tagen, baute innerhalb eines Jahres eine zweite Führungsebene auf und verkaufte nach 18 Monaten mit dem siebenfachen Hebel – zurück an die Familie, die zu diesem Zeitpunkt wieder bereit war, das Ruder zu übernehmen.
Im zweiten Fall, einem Automobilzulieferer, ging es weniger um Zahlen als um Menschen: Nach dem Tod des Vaters lagen zwei Geschwister über Strategie und Rollen im Dauerstreit, während die Bank zunehmend ungeduldig wurde. Mit 250.000 Euro und einer Sperrminorität stieg Neusser als neutraler Co-Investor mit Beiratsmandat ein, etablierte einen externen Geschäftsführer als dritte, unabhängige Stimme und moderierte den Familienkonflikt – nicht zuletzt dank einer eigenen Coaching-Ausbildung, ohne die er, wie er offen zugab, an diesem Fall wahrscheinlich gescheitert wäre. Der Verkauf an einen Dritten ist inzwischen eingeleitet.
Der dritte Fall, ein Nischenmaschinenbauer mit 60 Mitarbeitenden und acht Millionen Euro Umsatz, war technisch hervorragend aufgestellt, hatte aber praktisch keinen Vertrieb. Gemeinsam mit weiteren Business Angels aus dem BAND-Netzwerk wurde investiert, der Fokus lag auf Vertriebsstrukturen, Pricing und Reporting. Nach 24 Monaten folgte der Exit mit einer Verzwölffachung des eingesetzten Kapitals.
Drei sehr unterschiedliche Ausgangslagen also – und drei sehr unterschiedliche Rollen, die ein Angel dabei einnehmen kann, von der reinen Stabilisierung über die Konfliktmoderation bis zum klassischen Aufbau von Vertriebsstrukturen.
Bewertung, Finanzierung und ein Wort zu überzogenen Preisvorstellungen
Anders als bei Start-ups, wo Bewertungen oft Verhandlungssache und schwer vergleichbar sind, lassen sich Nachfolgefälle über klassische Multiples einordnen. In den von Neusser vorgestellten Fällen lag die Bewertung meist zwischen dem drei- und maximal zehnfachen EBIT oder EBITDA, je nach Branche – Indikatoren liefern unter anderem Plattformen wie Deal Circle, die inzwischen auch die früher bekannte DUP übernommen hat. Wo Verkäufer mit überzogenen Preisvorstellungen kommen, rät Neusser zu einem klaren Gegenangebot – und wenn das auf taube Ohren stößt, lieber zügig Abstand zu nehmen, statt Zeit in aussichtslose Verhandlungen zu stecken. Von Berater- oder Wissenstransferverträgen vor einer klaren Übergabestruktur rät er ausdrücklich ab: Zu oft nutze der Verkäufer die Zeit, um das Wissen des Angels abzuschöpfen und anderswo zu verkaufen.
Bei der Finanzierung zeigt sich ein handfester Vorteil der Substanz: In rund zwei von drei Fällen, so Neusser, brauche es über das ursprüngliche Investment hinaus gar kein zusätzliches Kapital, weil sich der Rest klassisch über die Bank refinanzieren lässt. Reicht das nicht, greift er auf Syndizierungen mit anderen Angels, gelegentlich auch auf Private Equity als Co-Investor zurück – und zunehmend auf Family Offices und Private Debt, mittlerweile bei sechs der jüngeren Fälle.
Wo hört Angel Investing auf, wo beginnt Private Equity?
Die spannendste Zwischenfrage kam aus der Runde selbst, von jemandem, der seit 25 Jahren im Private-Equity-Geschäft unterwegs ist. Sein Einwand: Wer Mehrheiten übernimmt und operativ Verantwortung trägt, betreibt im Grunde Small-Cap Private Equity oder ein Management-Buy-in – mit einem ganz anderen Ernstfall im Hintergrund als beim klassischen Angel-Ticket. Bleibt man drei Monate untätig, geht im Zweifel nicht nur ein Investment verloren, sondern eine ganze Firma samt Arbeitsplätzen in die Insolvenz. Neusser widersprach dem nicht grundsätzlich. Wer keine eigene operative Erfahrung mitbringe, solle sich von Sanierungs- und Familienkonfliktfällen besser fernhalten, räumte er ein. Erneuerungsfälle hält er dennoch für angelfähig – allerdings nur für einen vergleichsweise kleinen Kreis erfahrener Investorinnen und Investoren, die entweder selbst die Ärmel hochkrempeln oder von Anfang an jemanden mitbringen, der die operative Verantwortung übernehmen kann.
Eine Lehre aus dem eigenen Scheitern
Auf die Frage nach eigenen Negativbeispielen musste Neusser nicht lange überlegen: ein Kindermöbelhersteller, den er nach eigener Aussage „aus Liebe heraus“ übernommen hatte. Das Unternehmen musste am Ende in die Insolvenz. Seine Lehre daraus, mit einem Augenzwinkern, aber durchaus ernst gemeint: Sobald man sich in ein Produkt verliebt, hat man als Investor schon etwas falsch gemacht – egal ob es sich um ein Start-up oder einen Mittelständler handelt.
Fazit
Start-ups fragen, ob aus einer Idee ein skalierbares Unternehmen werden kann. Nachfolge fragt etwas anderes: ob ein Unternehmen ohne seinen bisherigen Inhaber weiterleben kann. Damit verschiebt sich der Werthebel nach der Übergabe vom reinen Wachstumsmultiplikator zur Professionalisierung, und in der Due Diligence rücken Ertragskraft, Inhaberabhängigkeit, zweite Führungsebene, Kundenbindung und Unternehmenskultur in den Vordergrund. Für Angel-Portfolios kann genau das ein willkommener Ausgleich sein: belastbarere Cashflows, oft kürzere Zeithorizonte und Werthebel, die sich gezielt mit eigener Erfahrung heben lassen. Unternehmensnachfolge ist kein Start-up-Investment ohne Sexappeal, sondern eine eigenständige Disziplin – und für so manches Portfolio der bislang fehlende Substanzanker.
Über den Referenten
Christian Neusser ist Business Angel und Transformationsberater. Mit seiner „Phalanx-Schutzmethode“ verbindet er operatives Know-how aus über zehn Jahren Unternehmertum mit der Sorgfalt eines Big-4-geschulten Wirtschaftsprüfers. Er hat an der University of Reading (UK) zur externen Nachfolge in Familienunternehmen promoviert, ist aktuell Habilitand an der Universität Siegen und bewegt sich seither an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis der Unternehmensnachfolge.
Häufige Fragen
Was unterscheidet ein Nachfolge-Investment von einem Start-up-Investment?
Beim Start-up wettet man auf die Skalierbarkeit einer Idee. Bei der Nachfolge übernimmt man bestehende Substanz – die entscheidende Frage ist, ob das Unternehmen ohne den bisherigen Inhaber weiterlaufen oder sich erneuern kann.
Wie viele Unternehmen suchen in Deutschland aktuell einen Nachfolger?
Nach Zahlen des Instituts für Mittelstandsforschung stehen bis 2026 rund 135.000 Unternehmen zur Übergabe an, etwa ein Drittel davon ohne feststehenden Nachfolger.
Warum spielt die Inhaberabhängigkeit eine so große Rolle?
Hängt der Ertrag stark am bisherigen Inhaber, kippt das Geschäft häufig, sobald dieser ausscheidet. Eine funktionierende zweite Führungsebene gilt deshalb als eine der wichtigsten Voraussetzungen.
Mit welchen Bewertungen muss man bei Nachfolgen rechnen?
In den von Christian Neusser vorgestellten Fällen lagen die Multiples meist zwischen dem drei- und zehnfachen EBIT oder EBITDA, je nach Branche zum Teil deutlich unterschiedlich.
Ist das noch Angel Investing oder schon Private Equity?
Die Grenze ist fließend. Wer Mehrheiten und operative Verantwortung übernimmt, bewegt sich nach Einschätzung der Diskussionsteilnehmer eher Richtung Small-Cap Private Equity oder Management-Buy-in. Ohne operative Erfahrung oder eine tragfähige zweite Ebene rät Neusser eher davon ab.
Welche Finanzierungswege gibt es neben dem eigenen Kapital?
Neben der klassischen Bankfinanzierung auf Basis der Unternehmenssubstanz nutzt Neusser Syndizierungen mit anderen Angels, gelegentlich Private Equity als Co-Investor und zunehmend Family Offices beziehungsweise Private Debt.
Die BAND Deep Dives sind ein regelmäßiges Veranstaltungsformat für Mitglieder und die Business Angel Community. Weitere Deep Dives findest du im Terminkalender.
Wir danken für die Unterstützung

