17. Oktober 2017

Start-up Finanzierung durch Business Angels stärken

BrANDneues 5/2017 Reichstag building, view from Spree river in Berlin, Germany

BAND-Vorschläge und Anregungen für Bundestag und Bundesregierung in der 19. Legislaturperiode

1. Streubesitzregelung belassen

Der immer wieder aufkeimenden Diskussion, Veräußerungsgewinne aus Streubesitz (unter 10 % der Anteile) körperschaftsteuerpflichtig zu machen, sollte ein endgültiger Riegel vorgeschoben werden. Die manchmal von der Finanzverwaltung behaupteten „Steuergestaltungen“ sind nicht belegt und technisch kaum möglich, weil nur Streubesitzgesellschafter daran ein Interesse haben könnten, nicht aber die Mehrheitsgesellschafter.

Die Streubesitzregelung deckt einen viel weiteren Gründerbereich ab als der Exitzuschuss für natürliche Personen als Investoren nach dem INVEST Programm. Wie das ZEW in einer Studie von 2014 ermittelt hat, fließen 90 % der Gründungsfinanzierungen von Investoren nicht in hoch innovative Start-ups, was Voraussetzung für INVEST ist. Die Streubesitzregelung fördert daher den Mittelstand der Zukunft, INVEST die Zukunft des Innovationsstandorts Deutschland. Die Streubesitzregelung eignet sich besonders für „Patient Capital“, also nicht Exit getriebene Investitionen, weil es keine Begrenzung des Investitionszeitraums gibt, eine Ausgestaltung, die bei Mittelstandsgründern häufiger vorzufinden ist. Beide Instrumente, Streubesitzregelung und Exitzuschuss stehen daher in einem komplementären Verhältnis zueinander. Daher müssen beide nebeneinander fortgesetzt werden.

2. Anreiz zur Reinvestition schaffen: Roll-over

Seit 2017 gibt es den Exitzuschuss für Investoren als natürliche Personen. Voraussetzung ist u.a., dass die Investoren bereits den Erwerbszuschuss nach dem INVEST Programm erhalten haben. Der Exitzuschuss ist auf 80 % der Investition begrenzt. Übersteigt der Veräußerungserlös diese Grenze, wird die darüberhinausgehende Steuerlast nicht durch den Exitzuschuss „kompensiert“.

Wie in anderen Staaten, insbesondere Großbritannien, sollte unabhängig vom Exitzuschuss für natürliche Personen als Investoren ein Anreiz zur Reinvestition der Veräußerungserlöse gegeben werden. Die Besteuerung des Veräußerungsgewinns sollte drei Jahre lang aufgeschoben werden (Roll-over) und Beträge in Höhe der Start-up Investitionen des Angels in diesem Zeitraum bis zur Höchstgrenze des Veräußerungsgewinns steuerfrei bleiben.

3. Angel Treuhandfonds für Deutschland

Business Angels sind besonders erfolgreiche Start-up Investoren, weil sie eigenes Geld investieren und sich zeitlich intensiv mit ihrem Know-how und ihren Netzwerkverbindungen für das Start-up engagieren. Deswegen lohnt es sich, staatlich eingesetzte Mittel an die Investitionen von Business Angel zu binden. Das beweist die hervorragende Performance des überwiegend mit ERP Mitteln finanzierten deutschen Parts des European Angels Fonds (EAF). Zum Zeitpunkt 2017/02 war bereits ein Fünftel von 100 Mio. Euro, für die der EAF sich gegenüber deutschen Angels verpflichtet hat, investiert. Allerding war die Zahl der beteiligten Angels mit 25 zu diesem Zeitpunkt wohl auf Grund des europäischen Rahmens dieses Fonds immer noch relativ gering.

Die Ausgliederung des Beteiligungsgeschäfts aus der KfW bietet eine gute Gelegenheit, einen ähnlich strukturierten Fonds für die nationale Ebene zu bilden. Fonds und Angel Investor verpflichten sich, aus einem pari-passu bereitgestellten Volumen innerhalb der nächsten drei oder fünf Jahre gemeinsam zu investieren. Der Angel agiert als Treuhänder des Fonds und erhält als Ausgleich im Erfolgsfall eine höhere Rendite als der Fonds. Um möglichst viele Angels zu erreichen, sollten die beiderseitigen Commitments allerdings niedriger liegen als beim EAF, z.B. bei in der Regel gemeinsam maximal 2 Mio. Euro. Diese Größenordnung wäre insbesondere auch für sich zunehmend herausbildende feste Zusammenschlüsse von Angels in Business Angel Clubs gut geeignet.

Vorteile für den Fonds wären schnelle Performance, bessere Renditechancen und Kosteneffizienz, da das Fonds Management schlank gehalten werden kann, weil es im Regelfall nicht unmittelbar in das Beteiligungsmanagement eingebunden ist.

4. Deutsches Business Angels Forschungs-Institut

Es mangelt an einer dauerhaften qualitativen und quantitativen Marktanalyse des Angel Investings und seiner Rolle in der Finanzierungskette von Start-ups in Deutschland. Dies erschwert politische Initiativen und politisches Controlling, die Gewinnung neuer Angels, die Schwerpunktbildung bei der Qualifizierung von Angels, den Aufbau von spezifischen Netzwerken, z.B. von Frauen oder für bestimmte Märkte, und nicht zuletzt den internationalen Vergleich. Seriöse Studien über den Angels Markt sind rar, weil er informell und damit nur schwer zu fassen ist und Hochrechnungen unter wissenschaftlichen Kriterien kaum möglich sind. So weiß heute z.B. niemand, welche „Internal Rate of Return“ Angel Investing in Deutschland hat. Nahezu die einzigen relevanten Studien in Deutschland sind die in den Jahren 2007 und 2014 veröffentlichten Studien des ZEW, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums vorgenommen wurden.

In den USA hat sich dieses Themas das „Angel Research Institut“ angenommen, das eng mit dem US Angels Verband ACA (vergleichbar mit BAND) zusammenarbeitet.

Wir schlagen daher vor, ein Forschungsinstitut mit der Bildung einer Einheit für die Angel Forschung zu beauftragen und dafür das notwendige Finanzierungvolumen bereitzustellen.

5. Awareness Aktionen

Wir halten es für erforderlich, dass die Anzahl der aktiven Angel Investoren in Deutschland deutlich größer werden muss. Das Beispiel USA und insbesondere das von Silicon Valley zeigen, dass viel vorhandenes Kapital auch viele kreative Köpfe zum Gründen anregt und darüber hinaus qualitativ hervorragende Start-ups auch von außerhalb des Landes angezogen werden. Es gibt also eine deutliche Wechselwirkung zwischen dem verfügbaren Investitionskapital und der Zahl und der Qualität von Gründungen.

Auch dürfte unbestritten sein, dass das Potential für Business Angels in Deutschland viel größer ist als die Zahl der tatsächlich aktiven Angels. BAND ist daher ständig im Rahmen seiner Möglichkeiten bemüht, für den Business Angel Gedanken zu werben. Das seit 2017 stark erweiterte INVEST Zuschuss Programm sollte für die Bundesregierung Anlass sein, dieses Programm in groß angelegten Aktionen zu bewerben, wobei BAND sich gerne mit seinen Mitteln einbringt.

6. Angels wünschen sich mehr Start-ups, mehr Support in deren Nachgründungsphase und weniger Bürokratie

Angesichts der seit Jahren in Deutschland zurückgehenden Gründungs- und vor allem Start-up Gründungszahlen muss das Gründungspotential in Deutschland besser ausgeschöpft werden und ist es gleichzeitig wichtig, den gegründeten Start-ups den Aufbau ihres Unternehmens so leicht wie möglich zu machen und Bürokratie abzubauen.

a)         Start-up Förderung als Auftrag der Hochschulen

Hochschulen sind die wichtigsten Quellen für innovative Neugründungen. Im angelsächsischen Raum ist die Gründungsförderung neben Forschung und Lehre ein wichtiger Auftrag der Hochschulen, während sie in der deutschen Hochschultradition keinen Platz hat. Dies gilt im Prinzip trotz einiger wichtiger Ausnahmen und trotz des unverzichtbaren EXIST Programms bis heute.

Für Deutschland zeigt eine kürzliche erschienene Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) hingegen massive Schwachstellen der Gründungsförderung an Hochschulen auf: z.B. wird nur jede fünfte Gründungsidee verwirklicht, Gründungsprozesse dauern extrem lange und vier von fünf Wissenschaftlern, die gegründet haben, tun dies als Nebenerwerb.

Die Gründungs-und insbesondere die Start-up Förderung sollte daher als Auftrag der Hochschulen festgeschrieben und erst genommen werden. Dafür sollten eigenständige, personell qualifiziert und ausreichend besetzte Start-up Zentren an den Hochschulen gebildet werden, die von vornherein auch die Finanzierung der Start-ups mit in den Blick nehmen. Dabei sollte der notwendige Praxisbezug immer gewährleistet werden. Deswegen sollten die Zentren Unternehmer und in der Finanzierung und Begleitung von Start-ups erfahrene Personen, wie z.B. Business Angels, sowohl bei der Lehre als auch bei der Unterstützung der Gründungen einbeziehen.

b)         Patentübertragungen standardisieren

Für die Patentübertragung an ausgegründete Startups sollte von Bund und Ländern für Universitäten, Fraunhofer-, Max-Planck- und andere Institute ein einheitlicher, verpflichtender Standardvertrag mit einer vordefinierten Entschädigung formuliert werden, der die immer wieder auftretenden Unsicherheiten, ob die Patente übertragen werden und wenn ja, zu welchem Preis, beendet. Oft haben in der Vergangenheit derartige Fragen zu Streitigkeiten und letztlich zum Scheitern der Gründung geführt. Dieser Standardvertrag könnte auf Startups beschränkt werden, eine entsprechende Übertragung an die Erfinder als Person könnte ausgeschlossen werden.

c)         Sozialversicherungsbeitragspflicht erleichtern

Der Staat sollte die Sozialversicherungsbeiträge für fünf Mitarbeiter bis zum fünften Jahr nach Gründung übernehmen. Dies wäre wirksamer als steuerliche Maßnahmen, da Start-ups in den Gründungsjahren ohnehin kaum Steuern bezahlen müssen. Zurzeit werden durch Start-ups oft Freelancer in oft prekären Verhältnissen beschäftigt. Dies hat auch Gründe in den Kostenverpflichtungen für Sozialbeiträge, die die Start-ups bei einer Festanstellung übernehmen müssten. Mit einer Festanstellung, für die die Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge durch den Staat ein großer Anreiz wäre, hätten die Start-ups mehr personelle Sicherheit beim Unternehmensaufbau und die Mitarbeiter wären sozial besser abgesichert.

d)         Beurkundungspflichten reduzieren

Bei der Finanzierung von Start-ups durch Angels ist oft Eile geboten, was durch die Beurkundungspflicht der Übertragung von Gesellschaftsanteilen einer GmbH sehr erschwert wird. Im Gegensatz dazu kann die Übertragung von Aktien einer nicht börsennotierten Gesellschaft - unabhängig von der Größenordnung - privatrechtlich vorgenommen werden. Diese Unterscheidung ist wenig nachvollziehbar. Die Beurkundungspflicht für Änderungen des Gesellschaftsvertrages sollte daher im Interesse von Start-ups und Investoren fallen gelassen werden, ggfls. mit Ausnahme einzelner klar definierter Tatbestände.

7. Die ganze Finanzierungskette für Start-ups stärken

Business Angels haben einen sehr hohen Stellenwert bei der Finanzierung von Start-ups, vor allem in der Frühphase. In vielen Fällen sind jedoch zusätzliche, ergänzende oder weiterführende Finanzierungspartner erforderlich. Deswegen sehen wir Family Offices, Venture Capital und Crowdfunding nicht als Konkurrenz zu Business Angels, sondern als Partner und weitere Glieder in einer Finanzierungskette.

Es sollten daher in der neuen Wahlperiode endlich Rahmenbedingungen für Venture Capital geschaffen werden, die internationalen Maßstäben gerecht werden, um mehr deutsches Venture Capital verfügbar zu haben. Auch sollten die Möglichkeiten für Fundraising durch VC verbessert werden, indem es institutionellen Vermögensträgern erleichtert wird, in VC zu investieren.

Crowdfunding und Business Angels arbeiten heute in vielen Fällen als Partner zum Vorteil beider und des finanzierten Start-ups zusammen. Nachdem inzwischen ausreichend Erfahrungen mit Crowdfunding vorliegen, ist es Zeit, die immer noch engen Fesseln für Crowdfunding zu lockern und den europarechtlich möglichen Rahmen voll auszuschöpfen.

Wegen der Details verweisen wir auf die Positionen der betreffenden Verbände.

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