Martin Giese, Business Angel und Autor von "Fast Forward", München
B2B Sales Performance – So erkennst du das wahre Potential deiner Teams
Ein starkes Produkt begeistert, aber es skaliert nicht von allein. Was ein gutes Startup zum wachsenden Unternehmen macht, ist ein wiederholbarer Vertriebs-Motor: ein Prozess, der aus Interesse planbar Umsatz macht. Für Business Angels lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die B2B-Vertriebsperformance eines Startups — schon in der Due Diligence, aber auch danach als Hebel für den Portfolio-Erfolg.
Beim BAND Deep Dive zeigte Martin Giese zehn typische Vertriebsfehler, die Gründerteams entlang der Unternehmensphasen immer wieder machen — von zu geringer Einbindung der Gründer über das Verkaufen ohne klares Kundenprofil bis hin zum fehlenden, standardisierten Prozess. Dabei machte er deutlich, wie sich schon vor dem Investment aus Vertriebsperformance und Denkweise wichtige Signale für das wahre Potenzial ablesen lassen.

Zehn Fehler, vier Phasen
In der Explore-Phase (0–100.000 Euro ARR) ist Vertrieb zwingend Gründerterritorium — niemand versteht das Produkt besser, niemand ist glaubwürdiger und niemand trägt Kundenfeedback direkter zurück ins Team als die Gründerin oder der Gründer selbst. Wer stattdessen zu breit einsteigt, statt ein präzises Segment zu bearbeiten, endet im „Tod durch tausend Pilotprojekte" — heterogene Kunden ohne gemeinsamen Nenner, die vor allem Customization-Aufwand erzeugen. Und wer sich in der Komfortzone des eigenen Labors verschanzt, statt kontinuierlich mit echten Nutzern zu sprechen, baut am Markt vorbei — Absichtserklärungen und Design-Partner schlagen jede Roadmap aus der Theorie.
In der Learn-Phase (100.000 Euro–1 Mio. Euro ARR) trauen sich viele Startups nicht, kräftig genug Preise zu verlangen — aus Angst, das erste Logo oder den Piloten zu verlieren. Das kostet doppelt, denn jeder verschenkte Euro geht direkt zulasten der Marge. Gieses Grundregel: Pricing nie von den Kosten ableiten, sondern immer vom Kundennutzen — hoch einsteigen, sich später trauen zu erhöhen, die Struktur einfach halten. Auch jährliche Preisanpassungen im Bestand, etwa 5 Prozent Inflationsausgleich, gehören für ihn zur guten Praxis. Und: Ein bezahltes Pilotprojekt ist noch kein Kunde — entscheidend sind ein beteiligter Fachbereich, ein echtes Budget und ein klarer Weg zum Rollout.
In der Standardize-Phase (1–10 Mio. Euro ARR) zahlt sich aus, wer rechtzeitig und richtig ins Vertriebsteam investiert — erst mit junioren Kräften für Prospecting und Cold Calling, ab rund einer Million Euro Umsatz dann mit eigenem Vertriebsleiter, oft parallel zur ersten VC-Runde. Dabie muss der Vertriebsprozess mitwachsen: Was die ersten zehn Kunden gewinnt, gewinnt nicht automatisch die nächsten hundert — Stufen, Qualifizierungskriterien und Kanäle müssen beim Skalieren immer wieder nachjustiert werden. Ein klares „Nein" ist dabei kein Rückschlag, sondern schafft Klarheit und schont knappe Vertriebsressourcen — Karteileichen in der Pipeline kosten am Ende mehr Zeit, als sie bringen.
Ohne diszipliniert erfasste Daten, bei denen Begriffe wie „qualifizierter Lead" einheitlich verwendet werden, fliegt jedes Team im Blindflug. Und wer nach der ersten Unterschrift am Kunden dranbleibt, statt sofort zum nächsten Neukunden zu springen, gewinnt am meisten: über früh eingeforderte Referenzen, Upselling, Expansion in Nachbarabteilungen und Ländergesellschaften sowie über Verträge, die mit der Nutzung mitwachsen.
Die Kennzahlen, auf die es ankommt
Zwei Kennzahlen lohnen in jeder Due Diligence den genauen Blick. Erstens sollte das Verhältnis von Kundenwert zu Akquisekosten mindestens das Dreifache betragen. Costumer Lifetime Value (CLV) geteilt durch Customer Acquisition Costs (CAC) muss größer 3 sein — Werte von 50:1 oder mehr in Businessplänen sind fast immer ein Warnsignal, dass Vertriebskosten nicht vollständig eingerechnet wurden. Zweitens ist es ein starkes Signal, wenn der Umsatz allein aus dem Bestand wächst, trotz einzelner Abgänge — eine Net Revenue Retention über 100 Prozent. Beide zeigen, ob der Motor wirklich trägt oder ob Wachstum nur teuer erkauft ist.
Daneben lohnt der Blick auf Trends bei den Kundenakquisekosten — idealerweise aufgeschlüsselt nach Kanal, um zu sehen, was aus Marketing, Events, Partnern oder der eigenen Mannschaft kommt —, eine Payback-Zeit unter 12 bis 18 Monaten sowie einen kontrollierten Churn. Als Faustregel nannte Giese für SaaS-Startups einen monatlichen Churn von 2 bis 4 Prozent: 4 Prozent entsprechen im Schnitt rund 25 Monaten Kundenbindung, 2 Prozent rund 50 Monaten.
Nicht jeder Umsatz zählt dabei gleich viel: Bezahlte Pilotprojekte sind ein schwaches Signal, weil sie Interesse, aber noch kein echtes Commitment zeigen. Zahlende Kunden mit echtem Budget und beteiligtem Fachbereich sind ein gutes Signal — hier lohnt die Frage, ob sich der Erfolg über das Ideal Customer Profile wiederholen lässt. Am stärksten ist wiederkehrender, wachsender Umsatz mit NRR über 100 Prozent: ein Geschäft, das sich selbst verstärkt, statt ein Projekt zu bleiben.
Kundenkontakt in der Due Diligence
Der direkte Draht zu Kunden ist der schärfste Realitätscheck in der Due Diligence, aber auch ein Eingriff in sensibles, reales Geschäft. Gieses Leitplanken: kein Outreach ohne Abstimmung mit dem Gründungsteam, da das Startup die Kundenbeziehung steuert; keine unnötigen Kontakte einfordern, sondern nur als letzten Schritt bei hoher Investitionsneigung und koordiniert mit Co-Investoren; und das Unternehmen im Gespräch immer positiv repräsentieren, da man als Gast in einer fremden Kundenbeziehung agiert. Am liebsten unterstützt er selbst als Sales-Coach in echten Kundengesprächen, statt nur zu beobachten — das schafft Vertriebsrealität aus erster Hand und sofort Mehrwert fürs Startup.
KI hilft beim Training, nicht bei der Nähe
Aus Gieses Sicht unterstützt KI vor allem beim Vertriebstraining und bei der Verhandlungsvorbereitung, etwa beim Üben von Kaltakquise gegen einen synthetischen Gesprächspartner, der anschließend detailliertes Feedback gibt. Bei der eigentlichen Kontaktaufnahme bleibt aus seiner Sicht menschliche Personalisierung entscheidend: Viele KI-generierte Ansprachen wirken auf individuelle Profile noch unpassend, und massenhafte Go-to-Market-Ansätze belasten überproportional die Empfänger, die ohnehin nicht reagieren.
Konkret mitgebracht hat er den Digital GTM Audit: ein selbst entwickeltes, für sein Stanford-Seed-Programm entwickeltes Prompt-Set, das in drei Schritten prüft, ob eine Startup-Website von den richtigen Zielkunden gefunden wird, ob sie tatsächlich verkaufsreif ist — mit Value Proposition, Proof und klarem Call-to-Action — und wie stark eine Outreach- beziehungsweise Kaltakquise-Mail wirkt. Die Auswertung liefert jeweils eine benotete Report Card je Kanal und lässt sich auf jede Portfolio-Firma anwenden. Download unter fastforwardbook.com/resources.
Vertrieb ist erlernbar
Auf die Frage, ob sich fehlende Vertriebsstärke bei Gründerinnen und Gründern trainieren lässt, antwortete Giese klar mit Ja: Wer ein Team gründen und mobilisieren kann, bringt bereits das Charisma mit, das im Vertrieb gebraucht wird. Rund 60 bis 80 Prozent jedes Vertriebsprozesses seien branchenübergreifend gleich; die verbleibenden 20 bis 40 Prozent seien branchenspezifisch und ließen sich nur am lebenden Objekt lernen — hier kann erfahrene externe Unterstützung, etwa durch Business Angels mit Sektorwissen, gezielt helfen.
Quintessenz
Vertrieb ist der entscheidende Schritt zwischen Produkt und Wachstum — und damit für Business Angels ein zentrales Prüf- und Hebelfeld. Zwei Kennzahlen lohnen dabei besonders den genauen Blick: ein CLV:CAC-Verhältnis von mindestens 3:1 und eine Net Revenue Retention über 100 Prozent. Beide zeigen, ob der Vertriebs-Motor wirklich trägt oder ob Wachstum nur teuer erkauft ist.
In der Due Diligence lohnt es sich daher, nicht nur das Produkt zu bewerten. Bewertet den Motor, der es in den Markt trägt — und helft als Angel, ihn zum Laufen zu bringen, etwa mit dem Digital GTM Audit oder als Sales-Coach im echten Kundenkontakt.
Wie sich Finanzierungsfragen früher Phasen und die Deutung eines Startups durch Gründer und Investoren auswirken, zeigen auch unsere Rückblicke zu den BAND Deep Dives „Zwischen Förderung und Exit: Wandeldarlehen, SAFE und Genussrechte richtig strukturieren" und „Der unsichtbare Cap Table: Warum gute Deals trotzdem scheitern".
Über den Referenten
Martin ist ein erfahrener Business Angel, Mentor und Autor des Fachbuchs „Fast Forward: Accelerating B2B Sales for Startups" (zusammen mit Mathias Hilpert). Er weiß genau, dass der Erfolg eines Investments oft an der Schlagkraft des Vertriebsteams hängt. Martin bringt nicht nur die Perspektive des Investors mit, sondern auch die methodische Tiefe eines Dozenten, der sein Wissen bereits an Top-Institutionen wie Stanford Seed, dem XPRENEURS Incubator oder beim CDTM geteilt hat.
Häufige Fragen
Warum soll Vertrieb in der Frühphase Gründerterritorium bleiben? Weil niemand das Produkt besser versteht und Kundenfeedback glaubwürdiger und direkter zurück ins Team trägt als die Gründerin oder der Gründer selbst.
Welches CLV:CAC-Verhältnis gilt als gesund? Als Faustregel mindestens 3:1. Werte von 50:1 oder mehr sind meist unrealistisch und deuten auf unvollständig eingerechnete Vertriebskosten hin.
Was zeigt die Net Revenue Retention? Ob der Umsatz mit dem Kundenbestand wächst, auch ohne Neukunden — ein Wert über 100 Prozent gilt als starkes, kaum manipulierbares Signal.
Wann braucht ein Startup einen eigenen Vertriebsleiter? In der Regel erst bei rund einer Million Euro Umsatz, oft zeitgleich mit der ersten Finanzierungsrunde.
Was liefert der Digital GTM Audit? Ein KI-gestütztes Prompt-Set, das Auffindbarkeit, Verkaufsreife der Website und die Stärke einer Outreach-Mail bewertet. Download unter fastforwardbook.com/resources.
Woran erkennen Business Angels einen echten Vertriebs-Motor? An einem wiederholbaren, dokumentierten Vertriebsprozess, einem gesunden CLV:CAC-Verhältnis, kontrolliertem Churn und einer Net Revenue Retention über 100 Prozent — nicht an einzelnen Pilotprojekten oder Vanity-Kennzahlen.
Der BAND Deep Dive ist ein regelmäßiges Veranstaltungsformat für Mitglieder und die Business Angel Community. Weitere Termine finden Sie im Veranstaltungskalender auf www.business-angels.de.
Wir danken für die Unterstützung

